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Wer soll das bezahlen!?: Die Preise für alte Videopiele steigen seit Jahren kontinuierlich an. Die Games für Retrokonsolen wie SNES und NES werden immer mehr zu Luxusgütern. Selbst Sammler fragen sich, wie diese Preise zustande kommen.

 

 

Wer soll das bezahlen!?

 

 

 by Horstio, 9/17/2017 (changed: 9/19/2017)

Im Bereich Multimedia verzeichnet man eigentlich eine radikale Entwertung, sobald man ein Produkt erworben hat. Im Normalfall erlangen nur wenige, spezielle Sammlerstücke einen dauerhaft hohen Wert. Computer- oder moderne Konsolenspiele sind nach kurzer Zeit nicht mehr gefragt und kosten oft nur noch einen Bruchteil des Startpreises. Die Verfügbarkeit des Produkts ist durch das Angebot von Onlinediensten wie Steam stets gewährt. Bei ständig vorhandenem Überangebot macht sich schnell ein allgemeines Desinteresse bemerkbar - die Nachfrage sinkt, der Preis fällt. In den Bereichen Film und Musik sind ähnliche Entwicklungen an der Tagesordnung.

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Trotz eines stolzen Alters von über 25 Jahren immer noch eine der beliebtesten Konsolen aller Zeiten: Das Super Nintendo Entertainment System. Neumodische Konsolen wie die Switch stehen weniger hoch im Kurs.

Doch Retrospiele für alte Konsolen von Nintendo hingegen erleben in den letzten Jahren einen zweiten Frühling. Vor allem die Spiele aus den Achtzigern und frühen Neunzigern steigen konstant im Wert. Super Nintendo Spiele sind nicht nur bei Sammlern und Fans nach wie vor sehr begehrt. Die Ankündigung des SNES Mini tut dem stetigen Preisanstieg der Originalspiele keinen Abbruch - eher im Gegenteil. Ähnlich wie mit dem, im letzten Jahr veröffentlichten, NES Classic werden alte Leidenschaften neu entfacht. Wer sich jahrelang nicht mehr mit dem Medium befasste, der erinnert sich spätestens jetzt an Nintendos Maschinen der 8- und 16-Bit Ära. Zudem tauchen vermehrt Zeitungs- und öffentliche Erfahrungsberichte auf, in denen diese alten Videospiele nicht einach nur als Sammlerstücke, sondern direkt als Geldanlagen bezeichnet werden. In diesem Zuge werden astronomische Preise ausgerufen; einen drei- bis vierstelligen Wert soll ein "Legend Of Zelda" in Originalverpackung mitsamt Anleitung und Karte mittlerweile haben. Der Sammler weiß zwar, dass in Schweden eine limitierte Big Box Edition des Super Nintendo Ablegers "Legend Of Zelda: A Link To The Past" produziert wurde, die in gutem Gesamtzustand durchaus einen enormen Wert hat, das unbedarfte Jonglieren mit irgendwelchen Phantasiepreisen für gewöhnliche Games ist letzten Endes aber ein völlig unnötiges drehen an der Preisschraube.

Manche Retro-Videospielsysteme sind aufgrund mangelnder Popularität nicht oder nur geringfügig vom Preisanstieg betroffen. Spiele und Konsolen von Atari oder Sega stehen auch heute noch weniger bedeutsam neben den klassischen Produkten von Nintendo. Zum Vergleich: Anfang des Jahres kaufte ich mir erstmals einen Sega Mega Drive - den damaligen Hauptkonkurrenten des Super Nintendo Entertainment Systems. Seitdem habe ich eine recht ansprechende Sammlung mit 45 Spielen aufgebaut. Natürlich gibt es auch für diese Konsole ein vereinzelte Games, die nicht gerade günstig sind. Würde ich meine Mega Drive Sammlung komplett verkaufen, bekäme ich unter Umständen jedoch nicht mal den Gegenwert eines einzelnen, teuren Super Nintendo Spiels wie etwa "Wild Guns" oder "Captain Commando" heraus.

Nintendo als Konsolenhersteller mag in der Moderne den Konkurrenten Sony und Microsoft deutlich hinterher hinken. Doch wenn allgemein der Begriff "retro" fällt, dann ist Nintendo eines der ersten Schlagworte, die einem in den Sinn kommen. "Super Mario Bros.", "Tetris", "Starwing", "Mario Kart", "Zelda" - irgendwie hat das jeder schon mal gespielt oder zumindest davon gehört. Und mit steigender Begeisterung für diese alten Spiele, klettert nach und nach auch der Kaufpreis immer weiter nach oben. Für den Sammler bedeutet dies konkret, dass aktuell selbst solche Games einen angehobenen Kurs haben, die man vor einigen Jahren noch quasi geschenkt bekam. Zum Beispiel Sportspiele, die seinerzeit in schieren Massen produziert wurden und von den Geschäften zu Ramschpreisen verhökert wurden, sobald eine neue Version der Reihe angekündigt wurde. Viele Games für das SNES erreichen im Komplettzustand mittlerweile ihren einstmaligen Verkaufspreis, der sich umgerechnet zwischen 50 bis 75 Euro einpendelt und einige Spiele übertreffen diesen Wert um Längen. Jedoch gilt dies bei weitem nicht für alle Games, sondern nur bestimmte Titel, die entweder einen besonderen "Kultwert" inne haben oder die besonders rar sind.

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Ausschnitt der Übersicht verkaufter Artikel von Ebay. In diesem Falle wurde nach dem enorm teuren Spiel Mega Man X3 gesucht.

Das allgemein beschriehene Phänomen, dass der 2nd-Hand-Markt generell tot sei, stimmt jedenfalls nicht. Der Verkauf findet jedoch immer seltener in einem Ladengeschäft oder auf Flohmärkten statt, sondern hat sich überwiegend ins Internet verlagert und findet auf verschiedenen Verkaufsplattformen wie auch in sozialen Netzwerken oft zwischen Privatleuten statt. Ebay ist nach wie vor die erste Anlaufstelle für Sammler und Verkäufer. Das Online-Auktionshaus knöpfte den Privatverkäufern bis vor einigen Jahren noch zusätzliche Gebühren für sämtliche Sofortkauf-Anzeigen ab. Diese Regel wurde jedoch aufgeweicht und so ist es möglich, eine gewisse Anzahl an Angeboten gratis zu erstellen. Seitdem gibt es logischerweise weniger Auktionen, sondern vermehrt Sofortkauf-Angebote mit stetig steigenden Preisvorstellungen sowohl von Privatverkäufern als auch von Gewerblichen. Doch bleibt die Frage: Wo kommt der Preis eigentlich her? Seit Jahren rätseln die Sammler, warum sie immer mehr Geld für die Materie zahlen sollen.

Entscheidend für den Preis im Einzelnen ist natürlich schon einmal die Qualität und die Vollständigkeit des Spiels und des Zubehörs. Lose Module bringen nicht soviel ein, wie komplette Spiele mit Anleitung und Verpackung. Wiederum ist der Zustand der Verpackung bei den alten Nintendo Spielen enorm wichtig, da es sich hierbei um etwa 20 Jahre alte Pappschachteln handelt. Im Falle alter Nintendo Spiele hat die Verpackung zudem einen besonderen Stellenwert inne: In den Achtzigern und Neunzigern wurden die Verpackungen zumeist entsorgt. Es wanderten lediglich die Module und Anleitungen ins Regal. Andere Firmen wie Sega setzen schon früh auf Verpackungen aus Plastik, die eben nicht weggeworfen wurden. Damit sind originalverpackte Nintendo Spiele prinzipiell auch seltener auffindbar als etwa die losen Module. Spiele in neuwertigem Zustand sind logischerweise entsprechend teurer, als Spiele mit erheblichen Gebrauchsspuren. Fabrikneue oder gar originalverschweißte Spiele aus dem Ausland (in Deutschland wurden die Spiele nicht eingeschweißt verkauft) sind gegebenenfalls richtig wertvoll. Ob das Spiel selbst gut ist oder nicht, ist jedoch kein nennenswerter Preisfaktor. Wichtiger ist die Beschaffenheit der Materie und auch die Seltenheit des jeweiligen Spiels. Kuriose Titel sind hier zum Beispiel "Beethoven: The Ultimate Canine Caper" (auch "Beethoven's 2nd" genannt), das eines der schlechtesten Super Nintendo Spiele ist, gleichzeitig aber mehrere hundert Euro auf die Waage bringt. Weitere wirklich seltene und unter Umständen extrem teure Spiele sind "Whirlo" und "Super Chase H.Q." - beides Spiele, die nicht in Deutschland veröffentlicht wurden und nur sehr schwer zu finden sind. Preislich wird es hier dann auch durchaus vierstellig.

Ein Grund für die allgemeine Verteuerung liegt denkbar nahe: Der stetige Wiederverkauf der Spiele - sei es durch Händler oder durch Sammler, die ihr Hobby aus verschiedenen Gründen wieder aufgeben. Man möge sich der Einfachheit halber eine Schlange von zehn Leuten (völlig gleich, ob private Sammler oder gewerbliche Händler) vorstellen, in der ein ein beliebiges Spiel mit jeweils 20 Prozent Aufschlag von einem zum nächsten gereicht wird. Man erkennt, dass bereits der fünfte Wiederverkauf mehr als das Doppelte des Startpreises einbringt. Der Letzte in der Schlange muss also ein vielfaches des ursprünglichen Preises bezahlen. In der Realität ist diese Rechnung gar nicht mal so abwegig. Die nächste Frage, die jedoch immer wieder gestellt wird: Woher kommt die Begeisterung für die Materie? Warum zahlen Interessierte diese steigenden Preise?

In manchen Medienbereichen schlägt das Sammlerherz schon dann höher, wird lediglich der Name der Materie erwähnt. Heutzutage ist eine Plattform wie Youtube für Spielefans essentiell. Schaute man früher staatlich gesteuertes Fernsehen, so darf man sich in der Moderne selbst zum Starmoderator ernennen, indem man seine eigenen Videos zu allerlei Themen erstellt. Früher war ein Produkttester nichts weiter als ein Journalist, eine ausgebildete Arbeitskraft einer Redaktion. Heute braucht man nur noch eine Webcam, den ausgeprägten Drang im Mittelpunkt stehen zu wollen und irgendein beliebiges Produkt, das man vor laufender Kamera bespricht. Dass diese "Hobbykritiker" durchaus ein riesengroßes Publikum ansprechen, macht sich überall bemerkbar. Wenn zum Beispiel James Rolfe und Mike Matei (die Köpfe hinter Cinemassacre.com) einen Klassiker für das NES aus dem prall gefüllten Regal ziehen und während der Spielsession über Burgerketten philosophieren, schauen weltweit bis zu 2,3 Millionen Abonennten zu. Der Wert des jeweiligen Spiels steigt in der Folgezeit unter Umständen merklich an. Die Rückbesinnung auf diese alten Spiele funktioniert, es wird eine Begehrlichkeit erzeugt, ein sogenannter Hype entsteht. Auch nehmen moderne Medien immer wieder Bezug auf alte Spiele. In diesem und jenem Film wird ein altes Spiel gespielt und auch neuere Games zitieren gerne mal die Klassiker. Alte Serien erscheinen in neuem Format wieder auf der Bildfläche und so werden auch Erinnerungen an die dazugehörenden Games wachgerüttelt. Dieser neu gestreute, unterbewusste Bedarf wärmt nicht nur die vorgestrigen Emotionen alter Fans neu auf, sondern spricht auch neue und jüngere Fans an, die diese Materie bestenfalls vom Hörensagen der älteren Geschwister oder gar der eigenen Eltern kennen.

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Soul Blazer ist der Auftakt der sogenannten "Soul Blazer Trilogie", die von Quintet entwickelt wurde. Das Spiel hat seinen Wert im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre verdreifacht.

Die momentane Preisentwicklung macht sich vor allem im günstigeren und mittleren Preissegment der SNES und NES Spiele bemerkbar. Die Verteuerung der hochpreisigen Games stagniert zwar nicht gerade, aber hier fällt es kaum mehr ins Gewicht, ob man für ein ohnehin schon überteuertes Spiel wie beispielsweise "Mega Man X3" 100 oder 200 Euro mehr oder weniger bezahlt. Allein die Tatsache, dass bereits über 2000 Euro dafür bezahlt werden, dürfte einen stutzig machen. Wirklich interessant ist zum Beispiel die Preisentwicklung von "Soul Blazer". Das Action Adventure von wurde von Quintet entwickelt und hierzulande von UbiSoft vertrieben. Es ist der erste Teil der sogenannten Soul Blazer-Trilogie, dem mit "Illusion Of Time" und "Terranigma" zwei der populärsten Abenteuer für das SNES folgten. Vor zwei bis drei Jahren bekam man "Soul Blazer" originalverpackt und in sehr gutem Zustand noch für etwa 30 Euro angeboten. Diesen Preis erlangt heute bereits das lose Modul. Soll das Spiel komplett mit allem Drum und Dran sein, so muss man durchaus schon damit rechnen, einen dreistelligen Betrag zu zahlen. Auch ein Spiel wie "Turtles In Time", das von Konami als eines der ersten Games für das SNES auf die Spieler losgelassen wurde, machte eine solch konsequente Entwicklung mit. Ausschlaggebend für die Entwicklung waren hier durchaus auch die von Michael Bay produzierten Kinofilme mit den Ninja-Schildkröten, die den Hype um das Spiel zusätzlich anfeuerten. Das Spiel kletterte die Leiter in recht kurzer Zeit von 50 Euro auf etwa 150 Euro hinauf. Ähnlich verhält sich der äußere Einfluss der Medien auf die Spiele rund um die Helden des Marvel- und DC-Universums. Egal, ob Spider-Man, Captain America, Superman oder Batman - nicht alle Games sind gleichermaßen teuer geworden, aber einige der Games mit den jeweiligen Comic-Helden haben ihren ursprünglichen Wert verdoppelt und gar verdreifacht.

Weitere Gründe für den Preisanstieg sind eher ärgerlicher Natur: Anbieter auf Ebay, die nicht genug bekommen können und mittels Zweit- und Drittaccounts eifrig den Preis ihrer Auktionen nach oben treiben. Das jeweilige Spiel wird im Endeffekt nicht verkauft, da es beim Verkäufer bleibt und dieser nach Auktionsende den Kauf abbricht. Mit einem weiteren Account wird er dieses Spiel später erneut einstellen und wieder mitbieten, oder aber er macht gleich ein Sofortkaufangebot daraus. Moralisch gesehen ein absolutes NoGo, aber eindämmen lässt sich so ein Verhalten nicht. Das eigentlich Ärgerliche: Das Spiel wurde möglicherweise nie verkauft, ist dennoch aber in der Übersicht verkaufter Ebay-Artikel enthalten. Die Auflistung verkaufter Artikel wiederum dient erstlinig als Referenz für die Ermittlung des aktuellen Durchschnittswerts eines Spiels. Das Ergebnis ist also durch solch getürkte Auktionen nach oben hin verzerrt.

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Man muss die hohen Preise nicht unbedingt zahlen. Mit ein wenig Geduld findet man durchaus auch verhältnismäßig günstige Angebote.

Ein weiterer, entscheidender Faktor für den Preisanstieg sind die immer häufiger auf den Markt gespülten Reproduktionen, für welche die Fälscher mittlerweile beachtliche Preise ausrufen. War es vor einiger Zeit eher üblich, seltene und teure Games zu fälschen oder sogenannte "Hacks" hierzulande unveröffentlichter Spiele zu erstellen, so gehen manche Anbieter mittlerweile sogar dazu über, auch Spiele aus dem niedrigen Preissegment zu kopieren. Griff ein unbedarfter SNES-Fan vor einigen Jahren zu einem "auf deutsch gepatchten" Super Mario RPG oder Chrono Trigger und musste hinterher damit leben, viel Geld für eine wertlose Fälschung ausgegeben zu haben, so ist es heute selbst für Sammel-Experten schwer, anhand kleiner Produktbilder mit bewusst mittelmäßiger Qualität zwischen Original und Fälschung zu unterscheiden. Ebenso wird Ebay heutzutage von gefälschten Leerverpackungen und nachgemachten Anleitungen geflutet, mit denen man seine Spiele vervollständigen soll. Streng genommen ein Unding, dass Ebay selbst hier nicht einschreitet und dem geneignten Fälscher so Raum zum Handeln gewährt. Wer heutzutage "was Echtes" haben will, der braucht also nicht nur reichlich Geld, sondern vor allem auch Geduld, ein wachsames Auge und fundiertes Hintergrundwissen, um Reproduktionen selbst auf mittelprächtigen Fotos entlarven zu können.

Wohin die Entwicklung noch führt, ist natürlich ungewiss. Der Eine prophezeit seit Jahren das sogenannte "Platzen der Preisblase", der Nächste ist der Meinung, dass sich diese Entwicklung auch in Zukunft fortsetzt und die Spiele somit immer teurer werden. Fakt ist jedenfalls, dass die klassischen Nintendo Spiele heute im Schnitt weitgehend genauso teuer sind, wie derzeit aktuelle Vollpreistitel. Natürlich gibt es Spiele, die günstiger sind, aber es gibt auch bedeutend wertvollere Spiele. Unter den etwa 500 in Deutschland bzw. in Europa veröffentlichten PAL-Spielen für das Super Nintendo tummeln sich mittlerweile reichlich Kandidaten, die preislich im dreistelligen Bereich gelandet sind und auch auf amerikanischem Boden steigen die Preise allmählich. Was ein jeweiliges Spiel tatsächlich wert ist, das kann im Endeffekt jeder nur für sich selbst entscheiden. Man kann dem Trend folgen, man kann mit etwas Geduld und Glück auch immer wieder Schnäppchen ergattern, die widerlegen, dass die Sofortkaufpreise und Sammlerwerte in Stein gemeißelt sind.

 

 

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